Gedanken zum Titelbild

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Da trat Petrus hinzu und sprach zu ihm: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist`s genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Darauf sprach Petrus: Oh Herr, das ist ziemlich viel. Aber auf dein Wort hin möchte ich es versuchen. Soll ich mir zur Sicherheit jede Vergebung in einer Strichliste notieren, damit ich genau weiß, wann das Maß voll ist? Darauf drehte Jesus sich zu den Anwesenden um, schüttelte den Kopf und sprach: Er will es einfach nicht begreifen.

Das Kleingedruckte im Christentum ist doch arg unangenehm: Du willst Vergebung, dann vergib. Du willst Versöhnung, dann versöhne dich. Mit dem Maß, mit dem du die anderen misst, wirst du selbst gemessen werden. Im Vaterunser heißt es: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Gottes Vergebung hat tatsächlich einen Haken, eine Bedingung. Er fordert von uns, dass wir den Anderen verzeihen – auch denen, die bewusst schuldig an uns geworden sind. Jesus bittet am Kreuz: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Wenn wir jedoch die Schuld des Anderen bewusst am Leben erhalten und nähren, dann dürfen wir für uns selbst nichts anderes erwarten.

Es gibt noch eine andere Ebene. Der Theologe L. B. Smedes sagte einmal: Zu vergeben bedeutet, einen Gefangenen freizulassen und zu erkennen, dass dieser Gefangene du selbst warst. In der Vergebung können wir all unseren Zorn über den anderen loslassen, unsere Wut, die Ungerechtigkeit. Wir verschaffen uns selbst Frieden. Wir machen uns selbst frei. Und das kann man sogar ausprobieren.

Vergebung bedeutet nicht, dass man so tut, als sei nichts geschehen. Vergebung bedeutet auch nicht „Schwamm drüber“ oder „Mach mit mir, was du willst.“  Alles fängt damit an, dass man laut oder leise sagt: Du hast mir sehr weh getan, aber ich möchte dir verzeihen. Ich möchte dir vergeben. Und dann braucht es Zeit, bis die Wunde heilt. Aber ohne Vergebung können Verletzungen nicht heilen, oder nur schlecht. Sie werden verdrängt oder verleugnet.
Vergebung muss aus freiem Willen geschehen. Vergebung bedeutet, den anderen nicht weiter zu beschuldigen. Vergebung bedeutet, den anderen aus dem Schuldturm zu entlassen und selbst den Dienst als Gefängniswärter zu quittieren. Vergebung ist kein Zeichen von Schwäche. Vergebung ist Freiheit und Neuanfang. Vergebung bedeutet, dass ein Wunder geschieht. Aus den Trümmern einer zerstörten Beziehung kann eine neue Pflanze erwachsen.

Zur Vergebung gehört, um Verzeihung zu bitten. Selbst das eigene Handeln zu überdenken und zu schauen: Was habe ich falsch gemacht? Nichts beschleunigt den Neuanfang mehr, als wenn ein Mensch sagt: Das war falsch von mir. Du, es tut mir leid.

Nun, welchen Menschen kann ich so häufig vergeben, wie Jesus es fordert? Ist es der Busfahrer, der mich morgens anpflaumt oder der Autofahrer, der mich zuparkt? Eher nicht. Es sind die Menschen, die ganz nah an mir dran sind. Nur die nahen Menschen können mir weh tun, nur den nahen Menschen kann ich weh tun. Bürgerkriege sind die blutigsten. Ein Familienstreit ist der schlimmste.

Es bleibt viel zu tun. Und ich gebe zu: Ich habe selbst noch keine Ahnung, wie ich den Menschen vergeben soll, die mich bewusst und mit Absicht verletzt haben und immer neu verletzen. Aber auch Gottes Anspruch bleibt: Verzeih deinen Mitmenschen. Wenn du dafür bereit bist, dann darfst du von Gott alles erwarten. Und selbst wenn man Jesu Vergebungsanzahl tatsächlich wörtlich nehmen würde: Versuchen Sie mal, jemandem vierhundertneunzigmal  zu verzeihen. Das ist eine ziemlich harte Nummer, oder?

Eurer Jörn Bohn

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