Gedanken zum Titelbild

Wann wird es eigentlich Weihnachten?

Fotonachweis: guukaa / Adobe Stock

Lukas und Yusuf gehen in die 4. Klasse. Lukas besucht schon seit der 1. Klasse diese Schule, Yusuf seit sechs Monaten. Vorher ging er in Damaskus, in Syrien zur Schule. Aber das ist lange her. Ein ganzes Jahr lang war er auf der Flucht: auf der Flucht vor dem IS, vor Krieg und Zerstörung. „Einmal, mitten in der Nacht“, so berichtet er, „kamen sie. Sie brachen die Tür auf, machten fürchterlichen Krach. Wir Kinder klammerten uns an unsere Mutter, unseren Vater. Mit Stiefeltritten stießen sie uns weg. Dann schlugen sie meinen Vater, zerrten ihn hinter sich her. Eine ganze Woche lang haben sie ihn festgehalten, ihn gefoltert. Dann ließen sie ihn frei, doch sie drohten ihm: ‚Wir kommen wieder, verlass dich darauf. Wir wissen, wo du wohnst. Wir kennen deine Frau, deine vier Kinder‘, so schrien sie. Wir hatten furchtbare Angst und nur einen Wunsch: weg aus diesem Land, in dem Terror, Zerstörung und Krieg toben. ‚Was sollen wir nur tun?‘ fragte die Mutter. ‚Uns bleibt nur eines‘, sagte der Vater, ‚Wir müssen fliehen, wenn wir das Leben unserer Kinder und unser eigenes retten wollen‘.“

Yusuf ist Christ. Lukas und er besuchen den Religionsunterricht. Heute erzählt die Lehrerin, wie das damals war, als Jesus geboren wurde. Sie erzählt von Maria und Joseph, von ihrem Aufbruch aus Nazareth und ihrem beschwerlichen Weg nach Bethlehem. Dieser Weg muss sein. Jeder muss sich in Steuerlisten eintragen. Maria ist hochschwanger. Das Kind wird geboren. Doch niemand hat Platz, keiner will sie aufnehmen. Nur ein Stall bleibt als Unterkunft. Nur wenige Tage alt ist Jesus. Da hören Maria und Joseph, dass man ihrem Kind nach dem Leben trachtet. Was sollen sie nur tun? Sie haben Angst. Angst um ihr Kind, Angst um sich selbst. Sie wollen nur eines: mit ihrem Kind in Frieden leben. „Was sollen wir nun tun?“ fragt Joseph Maria. „Uns bleibt nur eines: wir müssen fliehen, wenn wir das Leben unseres Kindes retten wollen.“

Yusuf hört die Geschichte von Jesus. Plötzlich sagt er. „Jesus, du bist mein Bruder. Du kennst mich und meine Geschichte ganz genau.“

Im dritten Buch Mose lesen wir in Kapitel 19 in den Versen 33 und 34: „Unterdrückt nicht die Fremden, die bei euch im Land leben, sondern behandelt sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen fremden Mitbürger lieben wie sich selbst.“

Wann wird es eigentlich Weihnachten? Wenn wir unser Herz öffnen und unsere Grenzen offen halten: für Gott und Jesus Christus und für die bedrohten Menschen, die bei uns in Frieden leben wollen.

Ihnen allen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und ein gutes und behütetes Jahr 2016.

Im Namen der Mitarbeiter(innen) und des Kirchenvorstandes grüßt Sie herzlich

Ihre Pfarrerin Gisela Merkel-Manzer

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